Bühler - wer zahlt, sagt auch, wo's lang geht

1874: nicht wie die Fabrikanten es gerne hätten

Der Plan von 1874 ist etwas schwierig zu lesen. Um ihn verständlicher zu machen, haben wir die Linienführung auf ein Google-Earth Bild übertragen.

Wesentliche Impulse für die Planung einer Eisenbahn von Gais nach St. Gallen kommen in den 1870er Jahren von den Fabrikanten aus Bühler.

Für den Planer einer Adhäsions-Bahn stellt die südlich von Bühler liegende felsige Schwelle des Strahlholz ein Hindernis dar, das den Verlauf der Bahnlinie diktiert.

Um ohne Zahnstange bis hinter das Strahlholz eine regelmässige Steigung zu erreichen, muss Dardier bereits den Bahnhof Bühler etwas oberhalb des Dorfes, etwa hinter der heutigen katholischen Kirche platzieren.

Das passt den Fabrikanten allerdings nicht. Sie wollen die Bahn in ihrer Nähe, im Dorf. Dardier argumentiert, um bis zum Eingang des Strahlholz genügend Höhe zu erreichen, müsste die Bahnlinie in diesem Falle eine sehr weite Kurve ins Tal richtung Wissegg ziehen. Und Strecke kostet Geld.

So ist es dann auch den Bühlerer Fabrikanten gerade recht, dass 1877 das Projekt in der Versenkung verschwindet.

Wie Bühler zu jener Zeit ausgesehen hat.


1889: nun aber ein richtiger Bahnhof, mit allem was dazu gehört

Nachdem ab Mitte der 1870er Jahre Zahnrdbahnen für gemischten Betrieb (mit und ohne Zahnstangenstrecken) praktikabel geworden sind, nimmt man das Projekt 1882 wieder auf und baut die Bahn.

Unter den neuen technischen Voraussetzungen kann der Bahnhof nun dort gebaut werden, wo ihn auch die Fabrikanten haben wollen: direkt vor ihren Haustüren.

Und: ein richtiger Bahnhof, so gross wie in Teufen, mit Gütergeleise und zwei Stumpengeleisen. Aber im Unterschied zu Teufen alles auf der gleichen Anlage. Deutlich eine Stufe vornehmer.

Ein Wort zu den Fabrikanten

Ausserrhoden gehört in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den höchstindustrialisierten Kantonen der Schweiz. Die Weberei- und die Stickerei-Industrie exportieren in alle Welt.

Die Struktur der Industrie unterscheidet sich aber etwas von anderen Regionen. Es handelt sich weitgehend um Heimindustrie. Klein- und Kleinstunternehmer produzieren für Fabrikanten, welche die Ware zusammenfassen und auf den Markt bringen.

So ist es nur selbstverständlich, dass diese Fabrikanten auch die Geschicke der Gemeinden und des Kantons lenken.

Ihre Namen finden sich darum nicht zufällig als Eigentümer aller herrschaftlichen Liegenschaften rund um den Bahnhof. Das erklärt, weshalb Bühler diesen für seine Dorfgrösse überdimensionierten Bahnhof erhält. Das leicht weltmännische Gehabe wird auch dadurch dokumentiert, dass sich das eigentliche Einsteige-Geleise direkt an der Strasse befindet, während “hintenherum” grosszügig Raum für Güterverkehr geschaffen ist.

Der Bahnhof Bühler, kurz nach der Eröffnung der Bahn.

Mit auf dem Bild ist eine der charakteristischen Klose-Dampflokomotiven. Diese Lokomotiven machen es erst möglich, mit Dampfantrieb in gleicher Richtung sowohl steil aufwärts wie steil abwärts zu fahren.

Später wird der östliche Seitenflügel des Bahnhofgebäudes - nicht zu seinem aesthetischen Vorteil - um ein Geschoss aufgestockt.

1969: der grosse Umbau

Die Zeiten haben sich geändert. Die Textilindustrie samt ihren Fabrikanten ist verschwunden. Dafür ist der Verkehr gekommen, vor allem der Durchgangsverkehr. Ein Einsteige-Perron direkt an der Strasse ist nicht nur nicht mehr zeitgemäss, er ist sehr gefährlich. Gefährlich für Passagiere, Bahn und Autoverkehr.

Im Zuge einer Korrektion der Staatsstrasse durch Bühler wird der Bahnhof umgedreht.

Geleise und Perron auf der Strassenseite verschwinden. Die Kreuzungsstelle mit ihren zwei Geleisen wird auf die Südseite des Bahnhofes verlegt. Die Gütergeleise, ohnehin weitgehend überflüssig, werden reduziert (und im Zuge der “Modernisierung” 2017/18 ganz eliminiert).

Der Urzustand von Osten gesehen.

Alt und Neu neben einander.

(Fast) der gegenwärtige Zustand.