1872 - 1877 Der erste Anlauf

Die treibenden Kräfte

Die Fabrikanten

Dass das Appenzellerland – namentlich das Ausserrhodische – die wirtschaftlichen Turbulenzen des 19. Jahrhunderts mit Ausnahme der Hungersnöte 1816/17 einigermassen heil überstand, hängt wesentlich mit der ganz besonderen Wirtschaftsstruktur zusammen.

Während der frühindustriellen Phase und bis zum Zusammenbruch der Leinenweberei sind in Ausserrhoden die Kaufleute (vorerst aus St Gallen) für die Feinverteilung und Organisation der Produktion zuständig. Sie sind aber zunehmend auf die Zusammenarbeit mit Mittelsmännern angewiesen, die sich zwischen die Weber als Kleinproduzenten und die Kaufleute als Exporteure schieben. Diese neue Unternehmerschicht von Garn- und Zwischenhändlern, von Webermeistern und Kleinverlegern erkennt schnell die Gewinn- und Verdienstmöglichkeiten. Sie beginnt, sich mit den Kaufleuten die Kontrolle der Textilfabrikation in Ausserrhoden zu teilen. Dadurch entsteht ein dichtes Geflecht unterschiedlichster Verlagsformen. Bei den im Appenzellerland als Fabrikanten bezeichneten Verlegern handelt es sich um Unternehmer, die das Garn für die Produktion selber einkaufen, es durch Lohnweber verarbeiten lassen und die gewobenen Produkte einheimischen oder auswärtigen Kaufleuten wieder zum Kauf anbieten.

Diese Fabrikanten sind es, die auf zeitgemässe Transporte angewiesen sind und sie sind es, die den Bahnbau durch das Appenzeller Mittelland vorantreiben.

Pioniere der Schmalspurbahn

Jakob Dubs

Mit ihrem Siegeszug krempelte die Dampfmaschine die Wirtschaft und die Gesellschaft der ganzen technisierten Wellt um und löste die erste industrielle Revolution aus.

Auf ähnliche Weise führten die Dampflokomotive und die Entwicklung der schienengebundenen Eisenbahn ab 1830 (Einführung der flachen Schiene und von Rädern mit Radkränzen) zu einer explosive Entwicklung im Verkehrswesen. Überall in Europa und in den USA wurden Bahnlinien erstellt - und nicht immer ganz sorgfältig ge­plant und finanziert. In der Schweiz begann die Entwicklung 1847 mit der Strecke Zürich - Baden. Danach ging es auch hier Schlag auf Schlag. 1856 erreichte die Bahn von Zürich aus sowohl Ro­manshorn (mit Blick auf den Güterverkehr mit Deutschland) als auch St. Gallen.

Die Schweizerische Gesellschaft für Lokalbahnen ist ein Kind des Alt Bundesrates Jakob Dubs (1822 - 1879, Bundesrat 1861 - 1872) und des Basler Bankvereins. Noch im Jahr seines Rücktrit­tes aus dem Bundesrat gründete Dubs die Schweizerische Gesellschaft für Lokalbahnen mit der Absicht, das schweizerische Normalspurnetz durch ein verästeltes System von schmalspurigen "Sekundärbahnen" zu ergänzen und damit die ländlichen Gebiete zu erschliessen. Die Gesell­schaft hatte ein Aktienkapital von fünf Millionen Franken, von denen der Basler Bankverein eine Million hielt.

Das Grundkonzept von Dubs ist bestechend. Es sieht Normalspurbahnen (1435 mm) auf den natio­nalen Hauptlinien vor. An sie anschliessend sollte ein dichtes Netz von Sekundärbahnen schmaler Spurweite, gedacht war an 1000 mm, die übrigen Gebiete erschliessen. Diese Bahnen waren billiger in Bau, Betrieb und Unterhalt und sie konnten sich mit engeren Kurvenradien weit besser als normalspurige Bahnen dem Gelände anpassen. Dubs dachte dabei an mehrere Linien, die aber, zumindest zu jenem Zeitpunkte, nicht realisirert wurden.

Arnold Roth

Zustande kam bereits 1872 ein Vertrag mit einem Privatkomittee in Herisau, das zur Realisierung der Bahnlinie Winkeln - Herisau - Urnäsch (und später Appenzell) führte. Dieses erste Projekt der 'Schweizerischen Gesellschaft für Localbahnen' wurde zügig in Angriff genommen.

Im selben Jahr trat auch der Teufner Arnold Roth, damals Landammann des Kantons Appenzell A.Rh. mit Dubs in Kontakt. Roth war von 1879 bis 1871 Sekretär des Eidg. Politischen Departe­mentes. Dubs war 1870 als Bundespräsident Vorsteher dieses Departementes und hat Roth also gekannt, als dieser mit dem Anliegen an ihn herantrat, für das Appenzeller Mittelland ebenfalls ei­ne Bahn-Erschliessung zu Bauen. Dubs sicherte die Unterstützung für die Realisierung zu, forderte aber anscheinend vorerst eine Machbarkeitsstudie. Diese Studie wurde durch Roth und eine Initiativ-Kommission für eine Eisenbahn Mittelland - St. Gallen an die Hand genommen.